Wie ich wurde, was ich bin Teil 1

Ich möchte diesen Blog damit beginnen, Dir meine Geschichte zu erzählen. Vielleicht hört sie sich für Dich mitunter wie ein Märchen an. Doch genau so ist sie in meiner Erinnerung. Genau so hat alles stattgefunden.

Es war einmal ein kleiner blonder Junge mit etwas abstehenden Ohren. Dieser Junge war ein wenig anders als die anderen Jungs in seinem Alter.
Schon als er in die Vorschule ging, die in einem Kindergarten stattfand, liebte er es mehr, sich mit Mädchen zu unterhalten, statt sich mit anderen Jungs zu raufen oder Schimpfworte zu rufen. Mit Jungs gab er sich nur sehr ungern und höchst selten ab. Obwohl er natürlich fast alles tat, was Jungs seines Alters gewöhnlich taten. Außer das Benutzen von Schimpfworten. Das tat er nie. Solche Worte in den Mund zu nehmen, widerte ihn dermaßen an, dass er lieber die für den Fall der Weigerung angebotenen Prügel in kauf nahm.

Irgendwann hatte der Junge sogar eine Freundin in seiner Vorschule. Sie hieß Sylvia und hatte weißblonde Haare. Mit Sylvia unterhielt er sich ganz besonders gern. Sie unterhielten sich über alles Mögliche, während sie abseits aller anderen am Zaun standen und gemeinsame Pläne für die Zukunft schmiedeten. Sylvia erzählte ihm, dass sie beide bald zur Schule gehen würden und malte ihm die Schule in den allerschönsten Farben aus. Die Schule zu besuchen schien ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Sehnsuchtsvoll gingen ihre beiden Blicke zur gegenüberliegenden Schule.

Wie unglücklich war der Junge aber, als Sylvia eines schönen Tages nicht mehr zu ihren wochentäglichen Unterhaltungen kam. Er begann, sich ernsthafte Sorgen um sie zu machen. Vielleicht war sie ja krank und er könnte ihr helfen? Doch als der Junge seine Mama fragte, erfuhr er von ihr, dass Sylvia wenige Tage später in die Schule kommen würde. Endlich war es soweit! Dorthin wollte er ja auch!
Doch leider, dafür war er noch zu jung. Er musste noch ein geschlagenes langes Jahr warten, bis auch er endlich in die Schule gehen durfte. Diese Enttäuschung saß tief. Doch Sylvia vergaß er nie.
Dabei war sie nicht einmal seine erste geistige Freundin. Schon als er knapp drei Jahre alt war, hatte ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft ihn oft genommen, um sich um ihn zu kümmern. Als sie schließlich in die Schule kam, durfte, nein musste er mit auf das Foto
Schon damals besaß unser Knabe einen ausgezeichneten Blick für Details, da sein Vater stets sehr viel Wert auf Exaktheit legte. Der war nämlich cholerisch veranlagt und konnte bei der kleinsten Kleinigkeit explodieren. Deshalb hatte der Junge schon in jungen Jahren gelernt, peinlich genau auf Mimik und Gestik seines Gegenübers sowie auf den Tonfall seiner Worte zu achten. In Situationen, die explosiv enden konnten, wurde er immer stiller. Das war zuerst sicher eine reine Überlebensstrategie, doch dieses Verhalten gereichte ihm auch im späteren Leben noch oft zum Nutzen.

Irgendwann war es dann doch soweit. Stolz trug unser junger Freund seine Zuckertüte nach Hause. Und was für tolle Geschenke er bekommen hatte! Sogar ein Tintenfüller war dabei! Jetzt konnte das schöne Leben als Schulkind losgehen. Darauf ein Stückchen Schokolade!

In der ersten Klasse bekam der Junge eine Banknachbarin, das war die stolze Uta. Sie hatte so etwas wie ein Vogelnest auf dem Kopf. Also ihre Haare waren so frisiert, dass der Junge dachte, darauf könnte glatt ein Vogelpaar nisten und seine Jungen großziehen. Er hatte nämlich ein Buch zu Hause, das hieß »Die Schwalbenchristine«. Und dieses Buch erzählte die Geschichte eines Mädchens, das eine ebensolche Frisur hatte. Außer Ute gab es noch viele interessante Mädchen in der Klasse, wie unser Junge fand. Mit denen waren die Gespräche viel interessanter als die mit den anderen Jungs. Die Jungs waren oft einsilbig und verschlossen. Außerdem wollten sie sich immer nur raufen, um ihre Kräfte zu messen. Die Mädchen hingegen waren offener und erzählten auch mal etwas mehr. Kommunikation lag unserem Knaben nämlich immer schon sehr am Herzen, auch wenn er diesen Begriff zum Zeitpunkt seiner Einschulung noch nicht kannte.

Auf dem Schulhof dieser Schule war es zu jener Zeit üblich, dass die Jungs die Mädchen heftig ärgerten, ja mitunter sogar körperlich attackierten. Doch unser Junge beteiligte sich nie an diesen Spielen, die unter dem Motto »Jungs gegen Mädchen« stattfanden. Wenn er gezwungenermaßen doch mitmischte, versuchte er dabei immer, die Mädchen zu verteidigen. Die anderen Jungs waren dermaßen in ihr hässliches Spiel vertieft, dass sie sein Verhalten gar nicht mitbekamen. Jedenfalls wurde er von den anderen Knaben deshalb niemals angesprochen.
Er war immer etwas ängstlich, wenn es um ihn selbst ging, er stieg zum Beispiel nicht gern auf Leitern und jegliche körperliche Gewalt war ihm zuwider. Oft machte er sich darüber Sorgen, dass ein größerer Junge ihn ohrfeigen könnte. Deshalb ging er ihnen meistens aus dem Weg.
Nur wenn es um irgendein Mädchen ging, also wenn ein Mädchen verteidigt werden musste, konnte er nicht mutig genug sein. Er warf sich in die Bresche, wenn die anderen gemeinsam die Mädchen ärgerten, oder verteidigte sie mit Worten. Mit Worten konnte er schon immer gut umgehen.

Am Ende der dritten Klasse studierte die ganze Klasse mit der Klassenlehrerin ein Programm ein, um damit die Schulanfänger zu begrüßen, die damals noch »ABC-Schützen« genannt wurden. Gemeinsam mit einem anderen Knaben war der Junge dafür vorgesehen, den Jüngeren mit einem kleinen Sketch zu erklären, wie Schule funktionierte. Sogar in den Sommerferien trafen die Schüler sich regelmäßig in der Wohnung ihrer Klassenlehrerin, um gemeinsam weiter an den kleinen Stücken zu feilen.
Jener andere Junge musste für seine Rolle in das Kostüm eines Kaspers schlüpfen. Zu seinem Glück musste unser Held das nicht. Ein Kasper sein … nein, das wollte er bestimmt nicht. Er durfte für seine Rolle in einem weißen Hemd und mit seiner eigenen Hose auftreten, die seine Mama extra frisch gebügelt hatte.
Bald war der große Tag heran und alle älteren Schüler waren an diesem Tag mindestens so aufgeregt wie die Schulanfänger.
Das Programm zog sich in die Länge, doch schließlich waren die beiden Jungs mit ihrem »Unterrichts-Unterricht« dran. An den zitternden Händen seines Partners erkannte unser Junge, dass der mindestens genauso aufgeregt war, wie er selbst. Doch alles klappte prima. Auch die Klassenlehrerin war am Ende sehr zufrieden mit dem Auftritt der gesamten Klasse. Gemeinsam strebten die Kinder dem Ausgang entgegen, nachdem die Veranstaltung zu Ende war.
Doch plötzlich schob sich ein dicker Bauch ins Sichtfeld unseres jungen Helden. Der Vater eines der Schulanfänger sprach ihn an.
»Mein Junge, du warst einmalig!«, lobte dieser Vater, ein stadtbekannter Mann, »Du wirst mal ein richtig guter Lehrer!« Stolz wie ein Spanier ging unser Knabe an diesem Tag nach Hause und erzählte von seinem zukunftsweisenden Auftritt. Während seine Mama sich riesig über seinen Erfolg freute, winkte sein Papa nur ab: Brotlose Kunst!

So war es auch mit seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Lesen. Immer, wenn sein Vater ihn beim Lesen sah, fragte er ihn, ob er schon wieder Kinkerlitzchen mache, die unnütz seien. Dennoch las er. Er las viel. Er hatte mit Kinderliteratur begonnen, doch aus der war er schnell heraus-gewachsen. Also verlegte er sich auf die Jugendliteratur, als er noch nicht einmal zehn war. Später halfen ihm Sagen und Märchen über manche schwere Stunde hinweg. Noch später las er auch die Klassiker.

Fortsetzung folgt