Wie ich wurde, was ich bin Teil 2

Es war kurz vor seinem neunten Geburtstag, als der Junge erfuhr, dass seine Mama in glücklichen Umständen war. Er, der bisher ein Einzelkind war, sollte ein Geschwisterchen bekommen. Die gesamte Familie freute sich sehr darüber und alle bereiteten sich auf die Ankunft des Babys vor. Doch was war das? Er beobachtete, dass der Bauch seiner Mama immer mehr wuchs! Sehr behutsam zeigte seine Mama ihm auf der Straße andere Frauen, deren Bäuche schon viel größer waren als ihrer. Auch diese Frauen waren schwanger.

Schwanger, welch seltsames Wort, welch seltsamer Zustand. Unser Junge fand, alle Frauen, die ein Baby erwarteten, waren wunderschön. Und irgendwie fand er, Frauen in diesem Zustand waren etwas Besonderes, sie waren wertvoller, schützenswerter und irgendwie auch schöner als andere Frauen. Irgendwie war eine Schwangerschaft wohl etwas Heiliges. Nein, jede schwangere Frau war eine Heilige!
Sicher keine gewöhnlichen Gedanken für einen knapp Neunjährigen, noch dazu, wenn er atheistisch aufwächst. Und doch gingen ihm genau diese Ideen durch den Kopf, während dieses seltsame warme, angenehme Gefühl ihm durch den Bauch ging.

Als die Zeit reif war, musste die Mama unseres jungen Helden ins Krankenhaus in der benachbarten Kreisstadt, um zu entbinden. Entbindung – wieder so ein komisches Wort. Aber irgendwie fühlte sich auch das besonders an.
Seine Mama hatte ihm erklärt, auf welchem Weg das Baby, sein Geschwisterkind, zur Welt kommen würde. Da es damals weder Ultraschall noch andere Untersuchungen gab, wusste niemand, ob in Mamas Bauch nun ein Junge oder ein Mädchen heranwuchs. Hauptsache, es ist gesund, hieß es überall. Klar, vor allem darauf kam es an, nicht darauf, ob es männlich oder weiblich war. Aber irgendwie wünschte er sich doch eher ein Schwesterchen, denn er fand Mädchen lange nicht so kompliziert wie Jungs.
Die aufregenden Tage, in denen Mama im Krankenhaus war, verbrachte unser Knabe bei seiner Oma.
Um zu erfahren, was im Krankenhaus vor sich ging, rief der Vater regelmäßig dort an, denn er arbeitete im Schichtsystem rund um die Uhr. Und gerade war eine Nachtschichtwoche. Deshalb musste er tagsüber schlafen und konnte seine Frau nicht besuchen. Außerdem hatten Männer damals bei der Entbindung nichts verloren. Das war reine Frauensache.

Eines schönen Tages erfuhr unser Knabe, dass er Bruder geworden war. »Na, schätze mal, ob du einen Bruder oder eine Schwester bekommen hast!«, forderte sein Vater ihn auf. Er hörte auf sein Bauchgefühl und tippte auf eine Schwester.
»Stimmt!«, freute sich der Vater. »Aber Deine Mama hatte zwei Babys im Bauch! Du hast auch noch einen Bruder bekommen!«, freute er sich weiter und hatte tatsächlich eine Träne im Auge.
Zwillinge! Das war natürlich eine Riesenüberraschung. Schnell wurde ein zweiter Stubenwagen organisiert und auch ein Zwillingskinderwagen musste her! Doch der musste erst bestellt werden, denn Zwillingsgeburten und damit auch Zwillingskinderwagen waren in jener Zeit selten, erst recht in der kleinen Stadt, in der unser Held zu Hause war.
Irgendwann war Mama mit den Zwillingen nach Hause gekommen, während er in der Schule war. Als er die beiden winzigen Menschlein zum ersten Mal sah, wurde ihm bewusst, welch große Leistung seine Mama erbracht hatte, als diese beiden neuen Lebewesen in ihr heranwuchsen.
Die nächsten Wochen waren eine Umstellung für alle, auch für unseren Jungen. Alles musste doppelt erledigt werden: Zwei Babys mussten gefüttert, gewickelt und gebadet werden. Da seine Mama das allein nicht schaffen konnte, half er ihr dabei, wenn seine Zeit es zuließ. Er wurde der perfekte große Bruder, Mama war stolz auf ihren Großen. Als die Zwillinge zum ersten Mal ausgefahren wurden, war in der kleinen Stadt gerade Weihnachtsmarkt.
Er beschäftigte sich mit seinen winzig kleinen Geschwistern, spielte oft mit ihnen und fuhr sie später manchmal sogar allein im Wagen aus. Er war stolz, dass er seiner Mama helfen konnte, und bemühte sich, ihr keine zusätzlichen Sorgen zu bereiten. Deshalb strengte er sich jetzt in der Schule besonders an.

Etwa vier Jahre später, mittlerweile ging er in die achte Klasse und hatte seine Probleme mit der Pubertät, fühlte unser Jüngling sich sehr schlecht. Was war passiert?

Während einer Routine-Untersuchung war bei seiner Mama eine schwere Erkrankung festgestellt worden. Sie musste sofort zur Behandlung ins Krankenhaus in die Bezirksstadt. Dorthin zu kommen, um sie zu besuchen, war nicht so einfach, denn die Familie besaß kein Auto. Lediglich ein Moped fuhr der Vater. Dennoch besuchten sie die Mama ein ums andere Mal. Ihr ging es sehr schlecht, deshalb musste sie viele Behandlungen und etliche Eingriffe über sich ergehen lassen.
Irgendwann war seine Mama wieder nach Hause gekommen, als er in der Schule war. Doch sie war längst nicht gesund, musste fast immer liegen und sich schonen. Da seine Schule dem Wohnhaus der Familie direkt gegenüberlag, erhielt er von der Schulleitung die Erlaubnis, in jeder Pause das Schulgelände zu verlassen, um seine Mama zu betreuen. Während seine Schulkameraden Pause machten und ihre Brote verdrückten, rannte er schnell zu seiner Mama, um ihr zu helfen, alltägliche Dinge zu bewältigen.
Doch nichts half, seine Mama nahm immer mehr ab, sie wurde immer kraftloser.

Er ahnte längst, dass sie sterben würde, lange bevor der Arzt ihn persönlich davon in Kenntnis setzte. Nur ihn; weder sein Vater noch sonst jemand in der Familie erfuhr davon. Der Arzt hatte es ihr versprechen müssen.
Immer wieder sagte ihm seine Mama, dass er etwas Besonderes war. Nicht nur ihr großer Sohn, sondern etwas ganz, ganz Besonderes. Sie hatten eine so enge Beziehung miteinander, dass er sich fühlte, als würde ihm ein Dolch ins Herz gestoßen, als sie tatsächlich starb. Er hatte alle Tränen schon geweint, sodass er jetzt keine mehr hatte.
Im Monat drauf wurde er 14. Und doch war er schon erwachsen.

Während sein Vater und einige Bekannte sich an diesem, seinen Geburtstag vor lauter Kummer betranken, saß er in seinem Zimmer und schrieb seiner Mutter ein Gedicht. Er schrieb sich all seinen Frust, seine Angst und seinen Zorn in sehr einfühlsamen Worten von der Seele.
In den Wochen und Monaten darauf verkroch er sich in seine Bücher. Er las viel und vieles mehr als einmal. Vor allem die Sagen und Märchen, die er in jener Zeit las, halfen ihm dabei, ohne sie weiterzuleben.

Als er zum ersten Mal nach dem Tod seiner Mama wieder in die Schule gegangen war, sahen ihn alle so komisch an, fast als wäre er ein Außerirdischer. Kaum jemand sagte etwas zu ihm, nur ein paar Mädchen aus seiner Klasse und seine Klassenlehrerin sagten ein paar Worte, die ihn aber nicht zu trösten vermochten. Natürlich nicht.
Gleich am ersten Tag musste er eine Klassenarbeit in Physik mitschreiben, obwohl er länger als eine Woche gefehlt hatte. Dennoch war er am Ende der Einzige, der eine sehr gute Arbeit abgeliefert hatte. Nur, weil er eine elektrische Schaltung lesen konnte. Das machte ihn stolz und zum ersten Mal dachte er wieder an sie.

Im ganzen Ort dachte niemand, dass im Monat nach seinem Geburtstag seine Jugendweihe gefeiert werden würde, er selbst am allerwenigsten. Und doch richteten sein Vater und seine Verwandten ihm eine Feier aus.

Wenig später lernte er bei einem gemeinsamen Klassenbesuch bei der Klassenlehrerin, die kurz zuvor entbunden hatte, auch deren Mann kennen. Sofort hatte er das Gefühl, dass diese Ehe nicht mehr lange halten würde.
Etwa zwei Jahre später bewahrheitete sich diese Ahnung zu seinem Entsetzen.
Als nahezu dieselbe Situation etwa ein Jahr später noch einmal geschah – diesmal mit einer jungen Lehrerin, die schwanger war – vermutete er, dass er dafür ein Talent besaß, so etwas zu erkennen. Doch er wusste nicht, wie er darauf kam, er wusste nur, dass stimmte, was seine Intuition ihm sagte.

Eine Weile später kam er mit den Jungs aus seiner Klasse nicht mehr klar. Er fühlte sich jetzt noch mehr zu den Mädchen hingezogen. Nicht etwa, weil es Mädchen waren, also keineswegs aus sexuellen Motiven, sondern weil er mit ihnen auch über seine Gefühle reden konnte. Etwas, das er mit keinem der Jungs konnte. Die Mädchen aus seiner Klasse konnten ihm zwar auch nicht helfen, aber es half ihm sehr, einfach zu reden. Reden konnte er auch mit seinem Vater nicht, jedenfalls nicht über die Dinge, die ihn im Innersten berührten. Mit ihm führte er allerlei interessante Gespräche über das Universum, alte Kulturen oder andere Themen, mitunter sogar bis tief in die Nacht. Aber das, was ihn wirklich bewegte, darüber redeten sie nicht. Darüber schwiegen sie. Für immer.

Er erlernte einen Beruf, in dem viel weniger junge Männer als Frauen ausgebildet wurden. Deshalb hatte er seit dieser Zeit viel mehr mit jungen Frauen als mit jungen Männern zu tun. Und irgendwie kam er immer besser mit den Frauen klar. Vielleicht war das dadurch bedingt, dass er immer ein gutes Verhältnis zu seiner Mama gehabt hatte. Und es lag wohl auch daran, dass er schon immer viel Zeit bei seiner Oma verbracht hatte. Von dieser lebenserfahrenen und weisen Frau bekam er viele Ratschläge und Hinweise, die ihm das Leben mit Männern und mit Frauen erleichterten.
Mit seinem Vater kam er allerdings immer weniger aus, je erwachsener er wurde. Da halfen auch Omas beste Ratschläge nichts.

Als seine Lehrzeit sich dem Ende zuneigte, fragte sein Klassenlehrer ihn, ob er sich vorstellen könnte, irgendwann an seiner Stelle zu stehen. Das war etwas, das er sich durchaus vorstellen konnte. Doch leider, der Betrieb war anderer Ansicht. Man befand, dass er sich hochdienen solle. So absolvierte er eine Weiterbildung und wurde mit nur 18 Jahren bereits Meister in seinem Fach. Als solcher arbeitete er etwa ein Jahr lang. Doch sein Vorgesetzter hatte Wasch- und Kontrollzwang. Für ihn als jungen Mann war das unerträglich, denn er fühlte sich ständig kontrolliert, sogar in seiner Freizeit hatte er immer das Gefühl, beobachtet zu werden. In seinem Land war das damals nichts Unmögliches.
Deshalb entschloss er sich, dramatisch etwas zu ändern. Doch weder Versetzungsgesuch noch Kündigung funktionierten, da die Volkswirtschaft in seinem Land im Vordergrund stand, auch vor privaten Interessen.

Irgendwann in dieser Zeit hatte er seine erste Freundin und etwa zur selben Zeit auch eine erste kleine Wohnung. Obwohl das Zimmer nicht wirklich eine Wohnung darstellte. Die Toilette bestand aus einem simplen Plumpsklo. Also verkniffen sich das beide, so gut es eben ging. Die Beziehung hielt nicht lange; sie passten doch nicht so gut zusammen, wie er gedacht hatte. Die junge Dame wollte so schnell als möglich Nachwuchs, während ihm der Sinn mehr nach Lernen stand. Er wollte lernen, um anderen Menschen auf ihrem Weg helfen zu können. Eine Familie konnte er später immer noch gründen.
Schließlich realisierte er, dass nur die Landesverteidigung einen noch höheren Stellenwert als die Volkswirtschaft hatte. Deshalb meldete er sich für drei Jahre freiwillig zum Wehrdienst, der damals noch für alle jungen Männer obligatorisch war. Und schon ein gutes halbes Jahr später hatten sein Vorgesetzter und sein Betrieb das Nachsehen. Sein Abschied war einer für immer.

Fortsetzung folgt